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Werftmodell, Yard Modell: Tanker Tina Onassis (1953) Maßstab 1:100, Workshop Christel Stührmann. Internationales Maritimes Museum Hamburg.

18. August 2021

Die Tina Onassis, Meisterwerk der Howaldtswerke

Der Tanker Tina Onassis ist einer der Stars unserer Sonderausstellung “Howaldtswerke – eine Werft im Wirtschaftswunder” (Nur noch bis kommenden Sonntag, 22. August!). In den 1950er und 1960er Jahren schrieb die Werft ein denkwürdiges Kapitel der Hamburger Schiffbaugeschichte. Mit dem Bau der Tina Onassis im Jahr 1953 schrieb sie Weltgeschichte.

Werftmodell, Yard Modell: Tanker Tina Onassis (1953) Maßstab 1:100, Workshop Christel Stührmann. Internationales Maritimes Museum Hamburg.

Die Wiedergeburt des deutschen Schiffbaus

Der Zweite Weltkrieg hatte den deutschen Schiffbau ruiniert, wie auch andere Schwerindustrien und die meisten Bereiche der deutschen Wirtschaft. Der von den Alliierten am 1. August 1945 unterzeichnete Postdamer Abkommen enthielt ein Verbot für den Bau neuer Schiffe als Teil der Maßnahmen zur Entmilitarisierung des Landes. Dieses Verbot wurde von 1948 bis 1951 langsam aufgehoben. In diesem Jahr begann in Westdeutschland das so genannte Wirtschaftswunder. Eine lange Liste von Faktoren leitete eine Phase großen wirtschaftlichen Wachstums in der 1949 gegründeten Bundesrepublik Deutschland ein.

Gleichzeitig musste die deutsche Handelsmarine wieder aufgebaut werden, und die globale Logistikkette benötigte neue Schiffe. Damit begann ein goldenes Zeitalter des Schiffbaus im Lande, in dem die Hamburger Howaldtswerke eine Hauptrolle spielen sollten. Die deutschen Werften befanden sich im Wiederaufbau und boten eine Kombination aus modernen Anlagen, gutem Know-how und vergleichsweise niedrigen Preisen auf dem internationalen Markt. Dies weckte das Interesse internationaler Investoren, unter denen der Schifffahrtsmagnat Aristoteles Onassis (1906-1960) hervorstach.

Onassis zeigte ein besonderes Talent dafür, kalkulierte Risiken einzugehen und aus den geopolitischen Situationen und Krisen, die er in seiner Karriere durchlebte, Profit zu schlagen. In diesem Zusammenhang nahm er Kontakt zu einigen deutschen Werften auf, die während des Schiffbauverbots brach lagen. Im Jahr 1952 gründete er seine Reederei Olympic Maritime, von der er automatisch eine deutsche Niederlassung mit Sitz in Hamburg gründete. Über sie wird Onassis in den folgenden Jahren 300 Millionen Deutsche Mark in den Bau von Öltankern in Deutschland investieren. Die Tina Onassis war nicht nur einer von ihnen, sie war eine Revolution hinsichtlich der Größe, die ein Tanker haben sollte.

Hamburger bewundern den Tanker Tina Onassis kurz nach seinem Stapellauf.
Hamburger bewundern den Tanker Tina Onassis kurz nach seinem Stapellauf. Bild: Archiv IMMH.

Der Bau der Tina Onassis

Anfang 1952 hatten die Howaldtswerke in Kiel den Auftrag erhalten, für die Firma World Tanker Inc. 8 Tanker mit einer Kapazität von 32500 DWT zu bauen. Man ging damals davon aus, dass dies die maximale Größe eines Tankschiffs sei und sprach von “Supertankern”. Aber die Firma Onassis wollte mehr als diese Größe. Am 15. Oktober 1952 wurde die Öffentlichkeit mit der folgenden Pressemitteilung überrascht:

Gigantischer Tanker aufgelegt!
Gestern wurde bei den Hamburger Howaldtswerken der erste Tanker mit einer Kapazität von 45000 Tonnen mit der Rumpfnummer 885 auf Kiel gelegt. Dieser größte Tanker der Welt – zwei Schwesterschiffe sind ebenfalls bestellt – wurde von der Central American Steamship Company in Auftrag gegeben, die dem Tankerbesitzer Onassis gehört. Dieser Tanker wird zwischen Mai und Juni 1953 vom Stapel laufen. Es wird etwa 220 m lang sein und nach seiner Fertigstellung eine Geschwindigkeit von 16 Knoten bei einer Leistung von 17500 PS erreichen.

Der Hinweis in der Pressemitteilung war nicht übertrieben, obwohl diese Zahlen für die damalige Zeit extrem hoch waren. Die Howaldtswerke in Hamburg waren mit dem Projekt ein großes Risiko eingegangen. Der Auftrag verlangte ein Schiff, das bis zu 50000 Kubikmeter Öl transportieren konnte, mit einem von Dampfturbinen angetriebenen Einzelpropeller und einer Geschwindigkeit von bis zu 16 Knoten. Außerdem musste das Schiff in der Lage sein, den Suezkanal zu passieren, wenn es mit nicht mehr als 4000 Tonnen weniger als seiner maximalen Kapazität beladen war. Der Suezkanal akzeptierte Schiffe mit einem maximalen Tiefgang von 10,5 m.

Die Howaldtswerke hatten Erfahrung im Bau von Tankern, aber die Form des Schiffsrumpfes musste neu sein. Insgesamt wurden 5 Entwürfe für Tests angefertigt. Die Hamburger Schiffbauversuchsanstalt, die HSVA, war nach dem Krieg zerstört und demontiert worden. Eine neue HSVA wurde 1952 gegründet, war aber noch nicht aktiv, als die Tests für die Tina Onassis durchgeführt werden mussten. Die Versuchsanstalt in Berlin hatte aufgrund des deutschen Schiffbaubooms eine lange Warteliste und konnte die Tests nicht übernehmen. Aus diesen Gründen wurden die Tests in der Schiffbauversuchsanstalt in El Pardo, Madrid, Spanien, durchgeführt. Jeder der 5 Entwürfe wurde als 6 m langes, maßstabsgetreues Testmodell gebaut. Weitere Tests wurden durchgeführt, um die Form des Propellers zu bestimmen. Die Suche nach einem passenden Entwurf war noch komplizierter, weil die Schifffahrtsklassifikationsgesellschaften (in diesem Fall der Germanische Lloyd) nur Bauvorschriften für Tanker bis zu einer Größe von 32000 DWT erlassen hatten. Der Bau dieses Schiffes war ein Abenteuer auf unbekanntem Terrain. Das Ergebnis war nicht nur ein äußerst sicheres und seetüchtiges, sondern auch ein sehr elegantes Schiff. Die Linienführung der Tina Onassis war klassisch, fast yachtartig. Sie erfüllte oder übertraf alle und jeden einzelnen Anspruch ihres Eigners.

Ein besonderer Vorteil des Schiffes war sein Pumpsystem. Es hatte eine Kapazität von bis zu 1000 Tonnen Öl pro Stunde. Das bedeutete, dass das Schiff in nur 9 Stunden vollständig gefüllt oder geleert werden konnte, was den Aufenthalt in einem Hafen auf etwa 10 Stunden reduzierte. Schon damals gab es Bedenken, wie sich dieser schnelle Betrieb, der den Eigentümern viel Geld einbrachte, auf die Besatzung auswirkte. Damals waren die Landgänge in der Handelsmarine recht lang, so dass die Seeleute in jedem Hafen einen kleinen Urlaub hatten. An Bord der Tina Onassis wäre das nicht möglich gewesen. Zum Ausgleich wurden die Unterkünfte für die Besatzung mit großer Sorgfalt gebaut. Die Kabinen waren geräumig, und die Möbel waren von hoher Qualität. Im Allgemeinen entsprachen die Unterkünfte der Besatzung denen einer zweiten Klasse an Bord eines Ozeandampfers der 1950er Jahre – was ein ziemlicher Luxus war. Das Problem kürzerer Hafenaufenthalte für Seeleute hat in der Handelsmarine seit der Containerisierung zugenommen, und nicht viele moderne Schiffe kompensieren dies durch mehr Komfort für die Menschen an Bord.

Alles ist bereit für den Stapellauf der Tina Onassis.
Alles ist bereit für den Stapellauf der Tina Onassis. Bild: Archiv IMMH.

Stapellauf der Tina Onassis

Der Stapellauf der Tina Onassis fand am 25. Juli 1953 statt – mit leichter Verspätung zur Vorhersage in der Presseerklärung. Es war ein historisches Ereignis für Hamburg, zu dem 20000 geladene Gäste auf der Werft und etwa 80000 vom Ufer aus kamen. Alle Schiffe und Hafenfähren waren ausgebucht. Der Senat der Stadt hatte den Termin auf einen Sonntag gelegt, um möglichst vielen Bürgern die Teilnahme an der Feier zu ermöglichen. Der Termin wurde mit Meteorologen abgesprochen, um “griechisches Wetter” zu gewährleisten. Die gesamte Hamburger Prominenz stand neben dem Schiff.

Die Zeremonie begann um 15 Uhr. Schecker, der Direktor der Howaldtwerke, hielt die Eröffnungsrede, in der er daran erinnerte, dass an gleicher Stelle, am 23. Mai 1912, der Ozeandampfer SS Imperator vom Stapel gelaufen war – das damals größte Handelsschiff der Welt. Nach einer Liste von Danksagungen stellte er die Stars der Veranstaltung vor: die Familie Onassis. Es war die zweieinhalbjährige Christina Onassis, die den Knopf drückte, um die Champagnerflasche gegen den Rumpf zu schießen und das Schiff nach ihrer Mutter Athina Mary “Tina” Onassis zu benennen, und ihr fünfjähriger Bruder Alexander Onassis, der den Knopf drückte, um den Stapellauf des Schiffes zu starten. Alles funktionierte perfekt. Eine Liste von 200 VIPs feierte an diesem Abend mit dem Ehepaar Onassis im Hotel Atlantik. Die Tina Onassis war bereit, ihre Karriere zu beginnen.

Ihre Karriere verlief erfolgreich und ohne nennenswerte Zwischenfälle. Doch Mitte der 1970er Jahre war aus dem einst größten Tanker der Welt ein kleines Schiff geworden. Die Ereignisse des Sechs-Tage-Kriegs führten dazu, dass Ägypten den Suezkanal schloss, was eine internationale Krise und eine Verknappung des Öls zur Folge hatte. Die Industrie reagierte mit der Entwicklung der Very Large Crude Carriers (VLCC) und der Ultra Large Crude Carriers (ULCC). Diese gigantischen Tanker wurden für lange Fahrten rund um Afrika oder Südamerika gebaut, um enorme Mengen an Rohöl zu transportieren und den Preis für die Reise zu senken. Tanker wie die Tina Onassis konnten zu diesem Zeitpunkt einfach nicht mit ihnen konkurrieren. Aus diesem Grund wurde die Tina Onassis an die Yung Tai Steel & Iron Works Company in Kaohsiung, Taiwan, geschickt, wo am 3. September 1975 die Abwrackarbeiten begannen.

Werftmodell der Tina Onassis

Werftmodell, Yard Modell: Tanker Tina Onassis (1953) Maßstab 1:100, Workshop Christel Stührmann. Internationales Maritimes Museum Hamburg.

18. August 2021

Tina Onassis, Mastwerwork of the Howaldtswerke

The Tanker Tina Onassis is one of the stars of our Special Exhibition “Howaldtswerke – a shipyard during the economic miracle” (ending next Sunday the 22nd of August!). During the 1950s and 1960s, this shipyard wrote a memorable chapter of the shipbuilding History of Hamburg. With the construction of the Tina Onassis in 1953, it wrote world history.

Werftmodell, Yard Modell: Tanker Tina Onassis (1953) Maßstab 1:100, Workshop Christel Stührmann. Internationales Maritimes Museum Hamburg.

The rebirth of German shipbuilding

World War II had ruined German shipbuilding, as it did with other heavy industries and most aspects of the German economy. The Postdam Agreement signed by the Allies on August the 1st 1945, contained a prohibition for the construction of new ships as part of the measures for the demilitarization of the country. This prohibition was slowly lifted from 1948 until 1951. By that year the so called German “economic miracle” had started in Western Germany. A long list of factors kick-started a phase of great economic growth in the Federal Republic of Germany that was founded in 1949.

At the same time, the German merchant navy had to be rebuilt and the global logistics chain was in need of new ships. This started a golden age of shipbuilding in the country, of which the Hamburger Howaldtswerke shipyard would become a protagonist. German shipyards were being rebuilt and offered a combination of modern installations, good know-how and low prizes by comparison in the in international market. This attracted the interest of international investors among which the figure of shipping tycoon Aristotle Onassis (1906-1960) stood out.

Onassis showed a special talent for taking calculated risks and making profit from the geopolitical situations and crisis he lived through in his career. In this context, he started contact with some German shipyards that were laying idle during the shipbuilding prohibition. In 1952 he created his shipping company Olympic Maritime, of which he automatically created a German branch with seat in Hamburg. Through it, Onassis will invest 300 Million Deutsche Mark in the production of Oil Tankers in Germany in the following years. The Tina Onassis was not just one of them, she was a revolution regarding the size a tanker was supposed to have.

Hamburgers admiring the tanker Tina Onassis just after her launching.
Hamburgers admiring the tanker Tina Onassis just after her launching. Picture: Archive IMMH.

Building the Tina Onassis

Early 1952, the Howaldtswerke of the city of Kiel had received an order to build 8 tankers with a capacity for 32500 DWT for the company World Tanker Inc. It was guessed at that point that that was the maximal size a tanker ship may have and people spoke of „Supertankers“. But the company of Onassis was looking beyond that size. On October the 15th 1952 the public was surprised by the following press release:

„Gigantic tanker laid up!

Yesterday at the Hamburger Howaldtswerke, the first tanker with a capacity for 45000 tonnes was laid up with the hull number 885. This larges tanker of the world – two sister ships have been ordered as well – has been ordered by the Central American Steamship Company, that belongs to the tanker owner Onassis. This tanker will be launched between May and June 1953. It will be approximately 220 m long and once completed reach a speed of 16 knots with a power of 17500 hp.“

Noting in the press release was exaggerated, despite the fact that those numbers were extremely high for that time. The Howaldtswerke of Hamburg had taken quite the risk with the project. The order demanded a ship that could carry up to 50000 cubic meters of oil, with a single propeller powered by steam turbines and reaching up to 16 knots. Also, it was the handed that the ship would be able to pass the Suez Canal when loaded with no more than 4000 tonnes less than her maximal capacity. The Suez Canal accepted ships with a maximal draught of 10,5 m. 

The Howaldtswerke had experience building tankers, but the form of the hull of this ship had to be something new. A total of 5 designs were made for tests. The shipbuilding testing institute of Hamburg, the HSVA, had been destroy and dismantled after the war. A new HSVA was created in 1952, but was not yet active when the tests for the Tina Onassis need to be done. The testing institute in Berlin had a long waiting list due to the German shipbuilding boom, and couldn’t take on the tests. For those reasons, the tests were carried out in the shipbuilding testing institute in El Pardo, Madrid, Spain. Each of the 5 design was built as a 6 m long scale testing model. Further tests were carried out to determine the form of the propeller. The process of finding a fitting design was even more complicated because the shipping classification societies (in this case the Germanische Lloyd) had only set building regulations for tankers of a size up to 32000 DWT. The building of this ship was an adventure in unchartered territories. The result was not only an extremely safe and seaworthy ship, but also a really elegant one. The lines of the Tina Onassis were classical, almost yacht-like. She fulfilled or exceeded all and every single demands of her owner.

A special perk of the ship was her pumping system. It had a capacity to pump up to 1000 tonnes of oil per hour. This meant that the ship could be completely filled or emptied in only 9 hours, reducing the stay in a harbor to about 10 hours. Already back in the day there were concerns about how this fast operations, that saved a lot of money to her owners, affected her crew. Shore leaves in the merchant navy back then were quite long, giving the seafarers a small holiday in every port. This wouldn’t be possible aboard the Tina Onassis. As a compensation, a lot of care was made in the construction of the habitations of the crew. Cabins were roomy and the furniture was of high quality. In general, the accommodations of the crew were the equivalent of that of a second class aboard an ocean liner of the 1950s – which was quite a luxury. The problem of shorter stays at ports for seafarers has been growing in the merchant navy since the containerisation, and not many modern ships compensate it by offering more comfort to those aboard.

Everything is ready for the launching of the Tina Onassis at the Howaldswerke shipyard in Hamburg, 1953.
Everything is ready for the launching of the Tina Onassis. Picture: Archive IMMH.

Launching the Tina Onassis

The launching ceremony of the Tina Onassis took place on July the 25th 1953 – slightly delayed for the prediction in the press release. It was an historical event for Hamburg, with 20000 guests invited to attend it at the shipyard and about 80000 attending from the shores. All boats and harbor ferries were booked. The Senate of the City had set the date on a Sunday to allow as much citizens as possible to take part on the celebration. The date was consulted with meteorologists to ensure there would be „Greek weather“. Every prominent person in Hamburg stood beside the ship. 

The ceremony started at 3 pm o’clock. Schecker, the director of the Howaldtwerke, gave the opening speech where he remembered that on that same spot, on May the 23dr 1912, the ocean liner SS Imperator had been launched – the back then largest commercial ship of the world. After a list of thanks he introduced the stars of the event: the Onassis family. It was the 2 and a half year old Christina Onassis that hit the button to launch the champagne bottle against the hull, naming the ship after her mother Athina Mary „Tina“ Onassis, and her 5 year old brother Alexander Onassis who hit the button to tart the launching of the ship. All worked perfectly. A list of 200 VIPs celebrated that evening with the Onassis couple at the Hotel Atlantik. The Tina Onassis was ready to start her career.

Her career was successful and without any notable incidents. But by the mid-1970s, the once largest tanker of the world had become a small one. The incidents of the Six Days War brought Egypt to close the Suez Canal creating an international crisis and a shortage of oil. The industry responded creating the Very Large Crude Carriers (VLCC) and the Ultra Large Crude Carriers (ULCC). This gigantic tankers were made to make long journeys surrounding Africa or South America carrying enormous quantities of crude oil and reducing the price of the voyage. Tankers like the Tina Onassis could simply not compete with them at that point. For that reason, the Tina Onassis was sent to the Yung Tai Steel & Iron Works Company in Kaohsiung, Taiwan, where the scrapping works started on September the 3rd 1975.

Yard Model of the Tina Onassis