IMMH

J. M. W. Turner

Joseph Mallord William Turner (1775-1851), Vor Margate, 1840, Bleistift und weiße Kreide auf blauem Papier, Privatsammlung Hamburg.
Joseph Mallord William Turner (1775-1851), Vor Margate, 1840, Bleistift und weiße Kreide auf blauem Papier, Privatsammlung Hamburg.

Vor Margate, 1840

William Turner wurde als „Maler des Lichts und der Atmosphäre“ zu einem Künstlerhelden der Romantik, dem unendlich viele Künstler nacheiferten. Zu seinen bevorzugten Motiven gehört das Leben an der Küste. In dieser skizzenhaften Zeichnung von 1840 lässt sich Turners Reduktion auf sparsamste Ausdrucksmittel anschaulich nachvollziehen. Mit abstrakt anmutenden, virtuos verschlungenen Bleistiftstrichen hält Turner die eleganten Linien eines Bootes fest, setzt mit der weißen Kreide funkelndes Sonnenlicht auf die Meeresbrandung und deutet in der Ferne einen Küstenstreifen mit einem Gebäude an. Dabei verlässt er sich auf unsere Vorstellungskraft, den körnigen blaugrauen Papierträger als Wasser- bzw. Himmelszone und die hingehauchten Kreidestriche als Horizontlinie zu lesen.

2020 gelang es dem Kunsthistoriker Ian Warrell, das Motiv zu identifizieren: Turner blickt hier nach Nordwesten über die Bucht von Kingsgate zu der in weiter Ferne liegenden Burg Kingsgate und fängt einen Vorfall ein, den er am 22. November 1840 in Margate (Kent) beobachtete: zwei Schiffe der Ostin- dien Kompanie – dargestellt ist hier entweder die „Claudine“ oder die „Westminster“ – wurden damals absichtlich auf dem Sand östlich von Margate auf Grund gesetzt, um zu verhin- dern, dass sie ihre Ladung in einem Sturm verlören. Die La- dung wurde anschließend an der Küste geborgen und die Schä- den an den Schiffen repariert. Seit Kindheitstagen mit Margate vertraut, besuchte Turner die Küstenstadt ab 1837 regelmäßig und logierte im Haus von Sophia Booth, das einen Blick auf die Mole bot. Sie war bis zu Turner’s Tod 1851 seine Lebensgefährtin und die erste Besitzerin dieser Zeichnung.